Dass Geflügelte Worte plötzlich da sind und ohne ersichtlichen Grund wieder wegfliegen, ist bekannt, dass es aber einzelne, geflügelte Wörter gibt, die plötzlich massenhaft die Alltagssprache überschwemmen, ist erstaunlich. Wegen dem Überschwemmen sollte ich vielleicht folgerichtig von geschuppten Wörtern reden. Das neueste geschuppte Wort ist definitiv.
"Das ist definitiv richtig. Das ist definitiv falsch. Das ist definitiv überflüssig."
Haben Sie’s auch schon satt? Definitiv bedeutet wörtlich soviel wie bestimmt oder ganz bestimmt oder ohne Zweifel, um nur ein paar dieser überflüssigen Knallschoten zu nennen. Denn -
"Das ist definitiv richtig."
- ist entweder richtig, dann ist das definitiv bloß ein Schluckauf, der nichts Neues bringt. Oder es ist nicht richtig, dann hilft der Buchstabenklumpen auch nicht weiter. Kollisionen dieser Hohlwörter mit sich selbst bleiben da nicht aus:
"Seine Äußerungen waren definitiv unklar."
Also ganz bestimmt ganz unbestimmt.
"Ich habe da jetzt definitiv meine Zweifel."
Das heißt, dass ich da zweifellos meine Zweifel habe.
Nun gut, im Hochdeutschen ist das jetzt ein paar Monate ein Modewort, dann läuft wieder eine andere sprachliche Sau durchs Dorf. In den alpenländischen Dialekten gibt es das definitiv jedoch schon seit Jahrhunderten, und da wird es richtig präzise. Das Tirolerische woll etwa macht eine Sache unwiderruflich:
"Du bisch ein Rindviech, woll."
Im Wienerischen gibt es das punktgenaue eh, wenn alle, aber auch alle Zweifel ausgeräumt werden sollen:
"Bist du ein Austria-Fan?"
"Eh."
Ist dieses eh nicht würziger als das fade definitiv? Der fränkische Dialekt wiederum ist berühmt für das schöne nachgesetzte Jou wärgli:
"Da Club ghört in die erste Bundesliga. Jou wärgli."
Wobei die wörtliche Übersetzung von Jou wärgli mit Ja wirklich die definitive Gewalt der Bestätigung nur bruchstückhaft wiedergeben kann. Jou wärgli heisst eher:
"Das war schon seit dem Urknall so, das wird auch sein bis ans Ende aller Tage, das gilt bis in die fernsten Galaxien und in allen denkbaren Parallelwelten. Jou wärgli."
Genauso lässt sich das schwäbische woisch kaum ins Hochdeutsche übertragen:
"I kaa di guat leida, woisch."
I kaa di guat leida ohne das woisch ist ein abgeschmackter, verbrauchter, nichtssagender Allerweltssatz, bei dem der angesprochene Partner nicht einmal von der Zeitung aufsieht. Aber das nachgesetzte woisch lässt Emotionen hochkochen, für die es gar keine weiteren Wörter gibt, jedenfalls beim Schwaben nicht. Er kann höchstens retounieren mit:
"Woisch, i di au."
Aber der definitive Hammer an zielgerichteter, determinatorischer Bestimmtheit ist das oberbayrische fei.
"Des geht fei net."
Ja, noch deutlicher kann man es eigentlich nicht mehr ausdrücken, dass etwas definitiv nicht geht. Dass es noch nie gegangen ist und nie gehen wird. Das fei erhebt eine schlichte Äußerung zu einem in Marmor gemeisselten, unfehlbaren Dogma:
"In an Schweinsbra'n ghert fei a Kümmel nei!"
Wobei viel diskutiert wird, woher das fei sprachgeschichtlich eigentlich kommt, ob es die Abkürzung von freilich ist, ob es von der alten Bedeutung von fein (im Sinn von wahr) ist - oder ob es ein Rest des gotischen barein foiet ist: Das, was am Ende der Welt liegt. Ich meine aber, dass das fei irgendwie mit definitiv zusammenhängt. Bei welcher mittelhochdeutschen Lautverschiebung es aber verstümmelt wurde, oder bei welchem altniederländischen Konsonantensterben das f weggefallen und das r hinzugekommen ist, oder umgekehrt, ist wieder so ein Rätsel der Sprache, das wohl nie gelöst werden wird. Jetzt fei definitiv nicht. Jou wärgli. Woisch, eh, woll. Es verabschiedet sich ihr Sprachrätsler, Jörg Maurer.
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